Stark & direkt: Aufgeschlagen und gelesen, gelesen, gelesen!

Eher zufällig begegnete mir der Titel und dachte spontan: gewagt! Da strotzt aber jemand vor Selbstbewusstsein. Ein neuer Werther! Puh, das kann nach hinten losgehen. Andererseits traut sich da jemand etwas, springt mit breiter Brust vom 10-Meter-Brett in den Pool. Cover ist speziell, Klappentext etwas großmäulig, aber so, dass ich dachte, ich möchte wissen, ob sich dahinter Substanz verbirgt oder ob der Sprung mit einem üblen Bauchklatscher endet. Ich gebe aber zu, dass ich an der Substanz eher zweifelte. Ich bin als gelernte, wenn auch nicht mehr aktive Buchhändlerin eine ebenso routinierte wie anspruchsvolle Leserin.

Doch einmal aufgeschlagen, konnte ich es nicht mehr zuklappen, während ich an einem sonnigen freien Nachmittag auf dem Balkon lag, ungläubig staunend immer weiter und weiter lesend. Ich wusste nach ein paar Sätzen: großartig! Das ist gut, das ist richtig gut. Wenn es dem Autor gelingt, das bis zum Ende so straight durchzuziehen, dann ist das genial. Und es ist gelungen. Ich möchte hier nicht die klassische Inhaltsangabe verfassen, weil das dem Buch überhaupt nicht gerecht wird. Der Ich-Erzähler schlägt in den „Briefen“ Kapitel seines Lebens auf und die Leser/innen sind sofort mittendrin, lachen, leiden, lieben und leben mit.

In der Story kommt vieles zusammen, was eine insgesamt geniale Melange ergibt: Sprachtalent, Selbstironie, Sex (sehr schön eingebunden übrigens und nicht als Sell-Selbstzweck) und vor allem auch Sorgfalt, an der es furchtbar vielen selbst herausgebrachten Büchern fehlt. Hier gab es ein Lektorat – wichtige und gute Investition in die Qualität.
Das Buch ist eine echte Entdeckung und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn die „Briefe an die grüne Fee: Über die Langeweile, das Begehren, die Liebe und den Teufel“ nicht den Sprung in einen guten Verlag schaffen.

Ich kann mir den Titel sehr gut in der Vorschau eines unabhängigen Verlags mit großer Reichweite vorstellen. Reichlich Leseexemplare an die Buchhändler/innen verteilen und das Ding wird groß. Womit wir wieder beim Werther wären: Vollmundig, der Vergleich, aber gut!

 

Leben und Lieben

Der namenlose ICH- Erzähler sitzt hoch über den Dächern der Stadt, bereit zum Sprung, eine traurige Gestalt, die aber noch nicht wirklich bereit ist zu sterben.

In zwei zusammenlaufenden Handlungssträngen, darf sich nun der Leser auf eine humorvolle, tragische, emotionale und zum Nachdenken anregende Reise in die Welt der menschlichen Gedanken und Gefühle begeben. Schonungslos werden die Stationen seines Lebens von Kindheit an beschrieben. Ein tragischer Held, immer auf der Suche nach Glück, Freiheit und Liebe. Egal welche Muse ihn gerade küsst, Alkohol, Zigaretten, Drogen und harter Sex sind dabei treue Begleiter. Dass die Welt Lebenskünstler nicht so leben lässt, wie er es gerne hätte, erkennt er immer wieder daran, dass das Leben aus Zwängen, Verpflichtungen, Verantwortung und Arbeit besteht. Ein Freigeist also, der immer wieder auf die Nase fällt um gleich darauf wieder aufzustehen. So schafft er es immer sich irgendwie aus dem Lebenssumpf heraus zu ziehen. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, wo er aber lieber der Nehmer ist. Er versteht es Menschen mit seiner Sprache und seinem Wesen zu manipulieren, aber irgendwann steht der Teufel vor der Tür und fordert für das ständige Glück seinen Tribut.

Ich möchte das Buch und meine Eindrücke dazu mit einem Zirkus vergleichen. Der Autor Salih Jamal ist ein Jongleur der mit Worten spielt, manchmal hart und vulgär, dann wieder sanft und geschmeidig. Er wirbelt Gedanken, Emotionen und Handlungen durch die Luft und fängt sie aber wieder geschickt auf. Manchmal philosophisch und dann wieder banal.

Er ist ein Clown, der den Leser unterhält mit teils zynischen, aber auch tragischen Geschichten. Einfach Situationen, die man manchmal auch schon selbst erlebt hat, wo man lachen aber auch weinen kann.

Salih Jamal ist ein Messerwerfer, der zielgenau ins Schwarze trifft. Er beobachtet die Menschen und spürt ihre Stärken und Schwächen auf. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wechselt genauso ab wie Verzweiflung und Alltäglichkeit.

Der Autor ist ein Magier, der den Leser mit seinen Geschichten verzaubert. Er lässt Bilder entstehen, die zum Träumen anregen. Bilder von schönen Momenten, die vielleicht vergessen sind und nur darauf warten an die Oberfläche kommen zu dürfen. Wünsche und Sehnsüchte der Menschen die nur auf ihre Erfüllung warten.

Und letztendlich ist Salih Jamal der Zirkusdirektor der es seinem Publikum ermöglicht hat für ein paar Stunden abzutauchen in eine Welt der Spannung, des Humors und einer Reise ins eigene Ich. Wer ist nicht auf der Suche nach dem Glück? Wo und wie man es letztendlich findet steht in den Sternen.

 

Ruhelos und ungestüm auf der Suche nach Wärme

Dieses Buch ist ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Der Protagonist ist nicht einfach nur eine Figur, nein, er ist präsent, in der ganzen ungestümen Kraft eines lebenshungrigen jungen Mannes.

Schon beim Prolog hat mich die Sprachgewaltigkeit gepackt. In zwei sich abwechselnde Zeitebenen sind wir Zeuge seiner Gedanken und seines Tuns. Im Jetzt reflektiert der Ich-Erzähler seine Vergangenheit und den Auslöser seines Vorhabens, von dem Sims, auf dem er sitzt, in die Tiefe zu springen.

Er führt uns zurück in seine Kindheit und in seine Familie, in die er nicht reinpasste, in seine Ausbildung, in seine Drogenerfahrungen und immer wieder in seine Sehnsucht nach dem ganz großen Glück. Er sucht es in Leidenschaften, in Süchten, in Frauen, in der Liebe, im Leben – nur nicht in sich selbst. Bis hin zu seiner letzten Faser versinkt er ins Begehren und gibt sich dem „Ganz oder Garnichts“ hin, verbrennt sich am „Sein und Wollen“.

Weil er sich so sehr sichtbar macht, sich bis ins Innerste entblößt, war er mir oft gegenwärtiger als die Geschichte. Ich wollte ihm, wie einem guten Freund, sagen, dass sein ausschließliches Leben wollen im „Hier und Jetzt“ keine dauerhafte Befriedigung haben wird, weil es nur isolierte Momente sind, auch wenn es die greifbarsten sind, weil in diesen Momenten das alles Verbindende – die Vergangenheit und die Zukunft – nicht existiert. Aber er hat es selbst erkannt, und dass seine Sehnsucht ihn von der Realität forttreibt – und das Leben keinen Plan hat. Seine Erkenntnisse zeigen eine tiefe philosophische Gabe.

Welches Motiv hat dieses Buch? Ist es ein Briefroman, ein Tagebuch oder eine Autobiografie? Vielleicht muss man hier keine Antwort suchen und auch keine Entscheidung treffen, sondern einfach eintauchen in „sein“ Leben, in sein pulsieren, brennen, hungern und fiebern und zwar zu 100 %.

Den Hinweis im Klappentext auf seine vulgäre Sprache kann ich nicht bestätigen. Ich finde sie ausgefeilt und ausdrucksstark und in seinen eingesprenkelten Gedichten findet man eine sanfte Poesie.

 

Absinth…die grüne Fee. Schon mal probiert?!

Die Größten überhaupt haben mit ihm gelebt und sich inspirieren lassen! Fitzgerald, Hemingway und selbst van Gogh hat sich ein Ohr abgeschnitten…im Absinth-Wahn. Der Freigeist wurde frei und flog in die Lande! Salih Jamal hat ein Buch geschrieben, über Langeweile, das Begehren, den Teufel, das normale Leben. Oder ist es doch nicht so normal? Sind wir normal? Vulgär…was ist schon vulgär? Das wir alle aufs’s Klo gehen müssen? Unsere Bedürfnisse haben?

Er beschreibt das Leben aus Sicht des Ich-Erzählers – und es ist einfach genial! Mit philosophischem Feingefühl zum Leben und zum Genuss des Lebens erzählt er alles was er wahr nimmt. Der Schreibstil zieht einen in den Bann – ein purer Sog. So ein Feeling hatte ich noch nie bei einem Buch!

Jedes seiner Kapitel beginnt mit einem Zitat was treffender nicht sein könnte. Man meint, man kenne diesen Salih Jamal schon ewig. Er wirkt wie ein guter Freund der einem sein Leben anvertraut. Man hat das Gefühl das er einen versteht. In vielen Passagen findet man sich wieder – erschreckend? Ganz und gar nicht, denn seine vertraute Art macht ihn ehrlich und stark. Seine Art der Sicht der Dinge ist so puristisch das man das Gefühl hat, man unterhalte sich mit ihm. Chapeau! Von diesem Autor ist noch Großes zu erwarten!

 

Vom verdünnten Rausch des Lebens

Ich weiß nicht, ob ich nur durch Aufmerksamkeit des Covers dieses Buch gewählt hätte. Es war eher die Unvermessenheit, mit der sich der Autor selbst als neuer Werther unserer neuen Zeit ausgab.

Sein sprunghafter Lebenslauf, voller Witz und Rätsel. Ein seltener Feuervogel , der seine Schwingen voller literarischen Feingefühls und Herzblut, seine Geschichte eine, seine Seele einhaucht. So ist wie einst Goethes Werther auch sein Buch ein Briefroman, der nach Kenntnis des Romans einige Parallelen aufweist.

Ein Buch, einst zum Bestseller der deutschen Literatur erkoren. Und so könnte Salih Jamals Buch auch zu einem Bestseller empor steigen, wenn man ihm vertraut, sich auf seine Geschichte einläßt. Eine Geschichte, die den Leser von der ersten Seite an packt, wie der Teufel, der um deine Seele buhlt. So buhlt der Ich Erzähler um ein Leben, in dem er wie der fliegende Holländer, in ewiger Verdammnis, seinen Hafen sucht, aber dennoch die Sehnsucht nach dem Meer ihn antreibt. Liebloses Elternhaus, Beziehungen, Frauen, Sucht, ausschweifenden Orgien, Sex bis zur Atemlosigkeit, Glücksspiel, etwas Normalität, Begegnung mit der grünen Fee, Verlust, begleiten sein Leben.

Man fragt sich wieviel Salih Jamal steckt in seinem Buch. Er schockt teilweise durch seine gerade im ersten Teil vulgären Sprache, die aber keinen schalen Beigeschmack hinterläßt, sondern von einer Entschlossenheit, Kraft, sich Finden, Ausleben rührt. Wobei im zweiten Teil ein eher gereifter, aber dennoch Suchender Ich Erzähler sich mitteilt. „Wer flüchtet wird niemals ankommen.“ ( S.233 )

Der Autor spickt seine Kapitel gekonnt mit Zitaten, die von Khalil Gibran bis zu Rainer Maria Rilke greifen. Auch Einflechtungen unserer Gesellschaft, mit seinen Licht und Schattenseiten, gekonnt in die Handlung eingebunden. Das zeugt von einem Literaten, der sich in dieser gut auskennt.

Ich könnte noch ewig voller Begeisterung über dieses Buch schreiben, was mir einfach zuflog, sich in mir eingenistet hat.

„So tätowiert dich das Leben. Mit schmerzenden Stichen und mit bunter Farbe. Unauslöschlich unter deiner Haut.“ ( S.240 ) Vielen Dank Salih Jamal, für diese sehr erfüllten Lesestunden!

 

Über das Buch     Über den Autor     Presse     Blick ins Buch     Rezensionen